{"id":145,"date":"2021-01-22T17:07:32","date_gmt":"2021-01-22T17:07:32","guid":{"rendered":"https:\/\/sichtbar-lernen.de\/?p=145"},"modified":"2021-01-23T08:00:21","modified_gmt":"2021-01-23T08:00:21","slug":"von-historischen-pruefkulturen-lernen-albrecht-duerers-meisterportraits-als-beispiel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sichtbar-lernen.de\/?p=145","title":{"rendered":"Von historischen Pr\u00fcfkulturen lernen \u2013 Albrecht D\u00fcrers \u201eMeisterportraits\u201c als Beispiel"},"content":{"rendered":"<p>Die Abiturpr\u00fcfungen werden auch dieses Jahr unter Pandemiebedingungen ordnungsgem\u00e4\u00df durchgef\u00fchrt. Selbst wenn dies mehrfache Terminverschiebungen bedingt, scheint die Alternative \u2013 ein Aussetzen der Pr\u00fcfungen <a href=\"https:\/\/www.kmk.org\/aktuelles\/artikelansicht\/abschlusspruefungen-finden-auch-2021-statt.html\">undenkbar<\/a>.<\/p>\n<p>Zur Weitung bzw. Lockerung dieses festgefahrenen Denkkorsetts m\u00f6chte ich ein Blick in die Kunstgeschichte wagen und eine historische Pr\u00fcfpraxis vorf\u00fchren, die es \u2013 so denke ich \u2013 erlaubt Ableitungen f\u00fcr die Gegenwart vorzunehmen und \u00fcber positive \u00c4quivalente zu den g\u00e4ngigen Abschlussklausuren nachzudenken.<\/p>\n<p>Mein Fallbeispiel Albrecht D\u00fcrer mag dabei auf den ersten Blick ungew\u00f6hnlich wirken, denn eigentlich scheint dieser vermeintlich genialische Renaissance-Maler jedwedem Pr\u00fcfungskontext entr\u00fcckt. Doch auch die von ihm produzierten Meisterwerke \u2013 insbesondere seine Selbstportraits \u2013 sind keinesfalls interessenlos im luftleeren Raum entstanden. Wie die aktuelle D\u00fcrerforschung zeigt, hat sich der N\u00fcrnberger Maler mit deren Erstellung ganz bewusst in eine handwerkliche Pr\u00fcftradition gestellt, ja geradezu einen Qualit\u00e4tsdiskurs \u00fcber Malerei heraus- und eingefordert. Hintergrund war, dass sich D\u00fcrer nach seinen Lehr- und Wanderjahren als Maler in N\u00fcrnberg etablieren wollte. Doch das Problem war, dass f\u00fcr die Malerei in der Reichstadt als \u201efreier Kunst\u201c eine verbindliche heute w\u00fcrde man sagen \u201eAusbildungs- und Pr\u00fcfungsordnung\u201c fehlte. Wie konnte man also den reichen Kaufleuten und Patriziern der Stadt, die er als potentielle Kunden ins Visier nahm, seine Meisterschaft demonstrieren? Er brauchte einen Nachweis. Pr\u00e4gend war dabei f\u00fcr ihn sein Elternhaus, namentlich die Goldschmiedewerkstatt seines Vaters. Das Goldschmiedehandwerk galt dabei als das am meisten normierte Kunsthandwerk. Jeder Lehrling hatte in diesem Handwerk am Ende seiner Ausbildung eine Reihe von Probest\u00fccken abzuliefern, die bestimmte G\u00fctekriterien entsprechen mussten. Der Kunsthistoriker Thomas Eser nennt dabei \u2013 Eigenst\u00e4ndigkeit, Hyperqualit\u00e4t und Vielseitigkeit (vgl. Eser 2011).<\/p>\n<figure id=\"attachment_147\" aria-describedby=\"caption-attachment-147\" style=\"width: 431px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" wp-image-147\" src=\"https:\/\/sichtbar-lernen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Selbstportraet_by_Albrecht_Duerer_from_Prado_in_Google_Earth-811x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"431\" height=\"544\" srcset=\"https:\/\/sichtbar-lernen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Selbstportraet_by_Albrecht_Duerer_from_Prado_in_Google_Earth-811x1024.jpg 811w, https:\/\/sichtbar-lernen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Selbstportraet_by_Albrecht_Duerer_from_Prado_in_Google_Earth-238x300.jpg 238w, https:\/\/sichtbar-lernen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Selbstportraet_by_Albrecht_Duerer_from_Prado_in_Google_Earth-768x970.jpg 768w, https:\/\/sichtbar-lernen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Selbstportraet_by_Albrecht_Duerer_from_Prado_in_Google_Earth-1217x1536.jpg 1217w, https:\/\/sichtbar-lernen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Selbstportraet_by_Albrecht_Duerer_from_Prado_in_Google_Earth-1622x2048.jpg 1622w, https:\/\/sichtbar-lernen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Selbstportraet_by_Albrecht_Duerer_from_Prado_in_Google_Earth.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 431px) 100vw, 431px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-147\" class=\"wp-caption-text\">Albrecht D\u00fcrer: Selbstbildnis, 1498; Mischtechnik auf Holz, 52&#215;45 cm. Madrid, Museo del Prado. Quelle: Wikipedia (public domain)<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Zur Eigenst\u00e4ndigkeit<\/strong>: Auf den ersten Blick scheint dieses Kriterium allen Kritikern von alternativen \u201eopen media\u201c -Pr\u00fcfungen das Wort zu reden, gilt danach doch eine nicht kontrollierbare Zusammenarbeit oder das Einholen fremder Hilfestellung als T\u00e4uschungsversuch. Doch zeigt die als \u201eKonstellationsforschung\u201c betriebene Kunstwissenschaft, dass D\u00fcrer gerade nicht als isolierte genialische Monade zu sehen ist, sondern fest eingebunden war in die \u201evielf\u00e4ltigen Wechselwirkungen und Einfl\u00fcsse einer kulturell und \u00f6konomisch h\u00f6chst vitalen Nachbarschaft.\u201c (Gulden 2012, S. 38). So unterhielt er etwa rege Korrespondenz mit f\u00fchrenden lokalen Humanisten wie Willibald Pirckheimer oder Condrad Celtis. Letzterer flankierte die Bildwerke D\u00fcrers gar mit zahlreichen lobhudelnden Epigrammen. \u00a0Heute w\u00fcrde man wohl von hochkulturellen Werbetexten sprechen, die die \u201eMarke\u201c D\u00fcrer zu etablieren verhalfen. D.h. nicht nur D\u00fcrers typisches Signet mit dem ber\u00fchmten AD hat dessen Werke ausgezeichnet, nein es war vor allem auch die publizistische Konstruktion von individueller Au\u00dfergew\u00f6hnlichkeit durch seine Freunde und Weggef\u00e4hrten.<\/p>\n<p><strong>Zur Hyperqualit\u00e4t: <\/strong>Eine besondere Pointe insbesondere des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/D\u00fcrers_Selbstbildnisse#\/media\/Datei:D\u00fcrer_-_Selbstbildnis_im_Pelzrock_-_Alte_Pinakothek.jpg\">M\u00fcnchener<\/a> und Madrider Selbstportraits besteht darin, dass sie, obwohl sie am Anfang seiner Karriere als Bildnismaler mit Ende Zwanzig entstanden sind, qualitativ in seinem eigenen weiteren Portrait-Oeuvre als unerreicht gelten. Dieser Befund durchkreuzt ein Verst\u00e4ndnis von Leistung, wonach diese als skalier- und potentiell immer steigerbar gedacht wird (vgl. Verheyen 2018). D\u00fcrers sp\u00e4tere Auftragsarbeiten, etwa das fr\u00fcher einmal den 20-Markschein zierende <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Elsbeth_Tucher#\/media\/Datei:Albrecht_D\u00fcrer_073.jpg\">Konterfei der Elisabeth Tucher<\/a>, reichen aber an das Niveau seiner Selbstportraits nicht heran. D\u00fcrer selbst gibt daf\u00fcr eine plausible Erkl\u00e4rung ab. Von seinen akribisch ausgearbeiteten Spitzenwerken konnte er nicht leben, wohl aber von seinen \u201egemaine gem\u00e4ll\u201c, die er zeitsparend und effizient in Serie produzieren konnte. F\u00fcr seine Referenzwerke bzw. Pr\u00fcfst\u00fccke nahm er sich dagegen viel Zeit. Bezogen auf heutige Pr\u00fcfungssysteme lie\u00dfe sich insofern konstatieren, dass zeitkritische Formate mit knapp bemessener Pr\u00fcfungszeit maximal eine Hervorbringung von gutem Mittelma\u00df bef\u00f6rdern. Nichts jedoch, was im Prozess wachsen, was mehrere Reflexions-, Feedback- und Entwicklungsschleifen durchlaufen kann.<\/p>\n<p><strong>Zur Vielseitigkeit: <\/strong>D\u00fcrer hat zu Beginn seiner Laufbahn nicht nur selbstzweckhaft mit verschiedenen Portraittypen experimentiert, sondern diese bewusst auch zugeschnitten auf m\u00f6gliche potentielle Kundenw\u00fcnsche. Wenn er sich im Pelzmantel oder in feiner Robe als Patrizier inszeniert, so erzeugt er Vorbilder f\u00fcr zuk\u00fcnftige Auftragsarbeiten, im Sinne von: \u201eSchaut her, liebe Patrizier N\u00fcrnbergs, so k\u00f6nntet ihr auf einem Portrait aussehen.\u201c Doch D\u00fcrer bel\u00e4sst es nicht bei der Bildnismalerei, man w\u00fcrde heute vielleicht sagen, dass er mehrkanalig sendet, alle Medienformate seiner Zeit nutzt, um so \u00fcber verschiedenste Vertriebswege unterschiedliche Kunden zu akquirieren. Seine Druckgrafiken zieren Flugbl\u00e4tter, Bibeln und Weltchroniken mit weltlich-mythologischen, christlichen sowie tagesaktuellen Themen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich erweist sich eine direkte Projektion dieses kunstgeschichtlichen Fallbeispiels auf die gegenw\u00e4rtige Diskussion um Abschlusspr\u00fcfungen als gewagt. Wenn man sich darauf jedoch einl\u00e4sst, so l\u00e4sst sich jedoch z.B. Folgendes ableiten:<\/p>\n<ul>\n<li>Pr\u00fcfungsergebnisse sollen nicht blo\u00df das notwendige Vehikel f\u00fcr Zertifikate sein, sondern einen Eigenwert erhalten, als Produkte individueller Interessen und Auseinandersetzungen gleichsam gesellschaftliche Relevanz beanspruchen.<\/li>\n<li>Qualit\u00e4t braucht Zeit \u2013 gute, individuelle Lernprodukte sind das Ergebnis eines l\u00e4ngerfristigen, durch Feedback begleiteten h\u00e4ufig m\u00e4andernden Suchprozesses. Fachliche Standards sind dabei Orientierungsmarker f\u00fcr Beratung und Reflexion, das Ziel f\u00fcr alle sollte es sein bestm\u00f6gliche Ergebnisse zu erzielen.<\/li>\n<li>Selbstwirksamkeit f\u00fcr Geleistetes entsteht immer nur in einem authentischen kommunikativen Resonanzraum. Lernprodukte sind immer eingebettet in einen dialogischen Prozess und ben\u00f6tigen einen echten Adressatenbezug.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Das Expert*innen-Camp &#8211; auf dem Weg zu einer neuen Pr\u00fcfkultur<br \/>\n<\/strong>Wenn ich auf meine bisherige Berufskarriere zur\u00fcckschaue, dann waren es im NRW-Abitur immer die aus Projektkursen erwachsenen <a href=\"https:\/\/www.schulministerium.nrw.de\/sites\/default\/files\/documents\/Merkblatt-zur-besonderen-Lernleistung.pdf\">besonderen Lernleistungen<\/a>, die diesen Kriterien gen\u00fcgten und die auch aus Pr\u00fcfersicht ebenso lehrreich sowie reizvoll herausfordernd waren. Man begleitet dabei idealerweise im Lehrer*innenteam Sch\u00fcler*innen \u00fcber ein halbes Jahr bei der Konzeption sowie Erstellung ihrer Projektarbeit und plant mit dem gesamten Kurs ein \u00f6ffentliches Event zur Ergebnispr\u00e4sentation (Vernissage, Lesung etc.) der multiplen Exponate (Texte, Design- und Kunstobjekte). Im Nachgang reflektieren die Sch\u00fcler*innen sodann den gesamten Prozess in Form eines Kolloquiums.<\/p>\n<p>Warum nicht einfach das Projektkursprinzip zum Standard erheben? Die Sch\u00fcler*innen w\u00e4hlen sich mit Beginn des neuen Halbjahres zwei Projektthemen in unterschiedlichen F\u00e4chern, um die Vielseitigkeit zu wahren. In allen \u00fcbrigen F\u00e4chern wird die Abschlussnote aus den bisher erbrachten Leistungen gebildet. So k\u00f6nnen sich die Sch\u00fcler*innen voll und ganz auf ihre eigenen Fragestellungen im Kontext der Projektarbeiten konzentrieren. Die ausgew\u00e4hlten Lehrer*innen begleiten den Prozess, der sich ideal auch in Distanz- bzw. Hybridsettings abbilden und realisieren l\u00e4sst. Nach Abgabe der schriftlichen Portfolios nach drei Monaten Bearbeitungszeit gilt es dann noch die so erzeugten individuellen Lernprodukte in eine Abschlussveranstaltung einm\u00fcnden zu lassen: ein Expert*innen-Camp der Abiturentia. Hier werden \u00fcber eine ganze Woche f\u00fcr die gesamte Schulgemeinde und die interessierte \u00d6ffentlichkeit die Projekte der Sch\u00fcler*innen in Form von physischen Schaustationen, Impulsvortr\u00e4gen und selbst organisierten Diskussionsrunden online\/ offline pr\u00e4sentiert und verhandelt. Das w\u00e4re ein w\u00fcrdiger Abschluss, mit dem die Oberstufensch\u00fcler*innen ihre Hochschulreife mehr als dokumentiert h\u00e4tten und mit dem Gef\u00fchl die Schule verlassen, in einer \u201e<a href=\"https:\/\/twitter.com\/adriane_langela\/status\/1352315877207764993\/photo\/2\">gelebten Wir-Kultur<\/a>\u201c (Langela\/ Wampfler 2020) etwas wirklich Nachhaltiges und Resonantes geleistet zu haben \u2026 just dreaming \ud83d\ude09<\/p>\n<p><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Eser, Thomas: D\u00fcrers Selbstbildnisse als Probest\u00fccke. In: Menschenbilder Beitr\u00e4ge zur Altdeutschen Kunst. Hg. v. Andreas Tacke\/ Stefan Heinz. Petersberg 2011, S. 159-176<\/li>\n<li>Gulden, Sebastian: Ideale Nachbarschaft. Das Wohnumfeld des jungen D\u00fcrer als Erfahrungsraum. In: Der fr\u00fche D\u00fcrer. Hg. v. Daniel Hess\/ Thomas Eser. N\u00fcrnberg 2012, S. 29-38.<\/li>\n<li>Verheyen, Nina: Die Erfindung der Leistung. M\u00fcnchen 2018<\/li>\n<li>Zumbansen, Lars: Ein gutes Bild abgeben. D\u00fcrers Selbstbildnis als Visitenkarte. In: Kunst+Untericht 417-418 (2017), S. 15-26.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Abiturpr\u00fcfungen werden auch dieses Jahr unter Pandemiebedingungen ordnungsgem\u00e4\u00df durchgef\u00fchrt. Selbst wenn dies mehrfache Terminverschiebungen bedingt, scheint die Alternative \u2013 ein Aussetzen der Pr\u00fcfungen undenkbar. Zur Weitung bzw. 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