{"id":156,"date":"2021-07-29T12:33:48","date_gmt":"2021-07-29T12:33:48","guid":{"rendered":"https:\/\/sichtbar-lernen.de\/?p=156"},"modified":"2021-07-31T09:22:43","modified_gmt":"2021-07-31T09:22:43","slug":"lernen-manifestieren-schulische-pruefungskultur-im-spiegel-von-julian-rosefeldts-filminstallation-manifesto","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sichtbar-lernen.de\/?p=156","title":{"rendered":"Lernen manifestieren \u2013 schulische Pr\u00fcfungskultur im Spiegel von Julian Rosefeldts Filminstallation \u201eManifesto\u201c"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-157\" src=\"https:\/\/sichtbar-lernen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Blanchett-as-elementary-teacher-instructs-her-class-in-Dogme-95-filmmaking-Julian.png\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"479\" srcset=\"https:\/\/sichtbar-lernen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Blanchett-as-elementary-teacher-instructs-her-class-in-Dogme-95-filmmaking-Julian.png 850w, https:\/\/sichtbar-lernen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Blanchett-as-elementary-teacher-instructs-her-class-in-Dogme-95-filmmaking-Julian-300x169.png 300w, https:\/\/sichtbar-lernen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Blanchett-as-elementary-teacher-instructs-her-class-in-Dogme-95-filmmaking-Julian-768x433.png 768w\" sizes=\"(max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/>Cate Blanchett als Lehrerin in Julian Rosefeldts Manifesto (2015, Clip 13): <a href=\"https:\/\/www.researchgate.net\/figure\/Blanchett-as-elementary-teacher-instructs-her-class-in-Dogme-95-filmmaking-Julian_fig1_324531853\">Bildquelle<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.julianrosefeldt.com\/film-and-video-works\/manifesto-_2014-2015\/manifesto-film-\/\">In einer Filmsequenz aus Julian Rosefeldts mehrstimmiger Installation \u201eManifesto\u201c (2015)<\/a> bereitet die Lehrerin einer Grundschulklasse, gespielt von Cate Blanchett, ihre Lerngruppe auf einen Test vor. W\u00e4hrend die Lehrerin noch die blau eingeschlagenen Schreibhefte kontrolliert, sinnieren die Sch\u00fcler:innen still und Gedankenverloren und zeichnen auf leere Bl\u00e4tter an ihren Einzeltischen. Dabei wird aus dem Off ein Auszug aus Stan Brakhage\u2019s \u201e<a href=\"https:\/\/harvardfilmarchive.org\/programs\/stan-brakhages-metaphors-on-vision\">Metaphors on Vision<\/a>\u201c verlesen, der passend zu den freien Imaginationen der Kinder das \u201eunvoreingenommene Auge\u201c oder das \u201eAbenteuer der Wahrnehmung\u201c beschw\u00f6rt. Dann, beim Austeilen der Testhefte, zitiert die Lehrerin eine \u201e<a href=\"https:\/\/a-bittersweet-life.tumblr.com\/post\/137886036329\/jim-jarmuschs-golden-rules-to-filmmaking\">goldene Regel<\/a>\u201c des Regisseurs Jim Jarmusch, wonach nichts origin\u00e4r sei und man daher Bekanntes aus diversen Quellen nur authentisch zu kompilieren und zu verarbeiten habe. In der Arbeitssituation selbst wandert die Lehrerin durch die Reihen, kontrolliert das Geschriebene und bedient sich bei ihren R\u00fcckmeldungen an verschiediene Sch\u00fcler:innen im Wortlaut der rigiden Ge- und Verbote einer Anti-Hollywood-\u00c4sthetik, wie sie Lars von Trier und Thomas Vinterberg in ihrem <a href=\"https:\/\/filmlexikon.uni-kiel.de\/doku.php\/d:dogmafilmdogma95-126\">Dogma95-Manifest<\/a> propagiert haben.<\/p>\n<p>Wie in anderen Sequenzen der Installation Rosefeldts werden auch hier z.T. absurde Brechungen zwischen der collagierten Textpassagen auf der einen und dem situativen Setting auf der anderen Seite erzeugt. Nicht nur, dass Grundschulkinder von der Lehrerin weitgehend kontextfrei und altersunangemessen mit \u00e4sthetischen Prinzipien von Filmemachern des 20.\/21. Jahrhunderts konfrontiert werden, sondern auch, dass sie selbst in einer weitgehend sterilen und medienfreien Umgebung rezeptiv etwas verinnerlichen bzw. reproduzieren sollen, was sie selbst \u00fcberhaupt nicht erproben und eigent\u00e4tig reflektieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Insgesamt weisen die Textpassagen jedoch auch untereinander maximale Differenzen auf und lassen sich in ihrer Reihenfolge als ein Prozess der sukzessiven Verengung und Schlie\u00dfung lesen. Diese Entwicklung korreliert dabei mit dem simulierten Pr\u00fcfungsprozess selbst. So werden zu Beginn offene, entschematisierte Imagination und freie Referenzialit\u00e4t als G\u00fctekriterien gestalterischer Produktion verlautbart, bevor in der Leistungssituation dann das strikte Regime zu reproduzierender Fakten regiert. Die Lehrerin scheint dabei von missionarischem Eifer gepackt, kontrolliert die geschriebenen S\u00e4tze der Sch\u00fcler:innen und gibt dabei nicht nur berichtigende R\u00fcckmeldungen, sondern legt sogar selbst Hand an, wenn sie zum Radiergummi eines Sch\u00fclers greift und einen imperativischen Satz des Dogma-Manifestes korrigiert: \u201eThe film must be in color. And special lighting ist not acceptable.\u201c Die letzten S\u00e4tze des Manifests werden dann mit der gesamten Sch\u00fcler:innenschaft chorisch synchron intoniert. Dem deklarativen \u201eLernstoff\u201c, der hier kollektiv memoriert wird, kommt damit eine fast sakrale Weihe zuteil.<\/p>\n<p>Die Manifest-Texte, die hier wie ein Klangteppich \u00fcber das Handlungssetting einer schulischen Unterrichts- und Pr\u00fcfungssituation gelegt werden, wirken dabei einerseits radikal systemsprengend: \u201eImagine a world before the \u201abeginning was the word\u2018\u201c. Im Vorfeld einer Pr\u00fcfung, die gemeinhin die (hand-)schriftliche Abfassung der Gedanken fast alternativlos pr\u00e4miert, ist ein freies, assoziatives und bildbasiertes Denken, das nicht bereits verstellt ist durch ein Heer von fachbegrifflichen Kategorie-Containern und Schemata, geradezu revolution\u00e4r. Dies gilt ebenso f\u00fcr die Aufforderung vor einer Pr\u00fcfung zu \u201eklauen\u201c, d.h. alles als Anregungspotential zu nutzen, was einen inspiriert und bei der Bew\u00e4ltigung einer selbst (!) gesetzten Aufgabe weiterbringt. \u00dcbertragen auf ein traditionelles Pr\u00fcfungssystem w\u00fcrde hiermit nat\u00fcrlich das Abschreibverbot konterkariert, die strenge Regulierung von Hilfsmitteln, vor allem aber die Idee einer eigenst\u00e4ndig origin\u00e4r zu erbringenden Leistung. Jim Jarmusch radikalisiert in dieser Aufforderung mit Bezug zu Jean-Luc-Godard eigentlich Felix Stalders Filterprinzip der \u201eReferenzialit\u00e4t\u201c f\u00fcr kulturelle Produktionsprozesse in der Digitalit\u00e4t.<\/p>\n<p>Andererseits muten insbesondere die Diktion der nachfolgenden Dogma-Regeln sowie das Vermittlungskonzept insgesamt eher systembewahrend oder gar verst\u00e4rkend an. Hinter den von der Lehrerin mit Verve vorgetragen Gestaltungsprinzipien, die von den Sch\u00fcler:innen fehlerfrei zu notieren oder verbal zu best\u00e4tigen sind, steht eine transmissive Vorstellung von Lernen, die vermeintlich objektive Sachverhalte bzw. Wahrheiten in Sch\u00fcler:innenhirne einzutrichtern gedenkt. Dass die Lehrerin dabei \u00fcberzeugend auftritt und die Sch\u00fcler:innen selbst w\u00e4hrend des Tests unterst\u00fctzt, das \u201eRichtige\u201c im Heft stehen zu haben, macht sie zu einer Erf\u00fcllungsgehilfin eines etablierten (Pr\u00fcfungs-)Systems, das Fachgegenst\u00e4nde und fachmethodische Prozeduren normativ vorgibt und nicht in einem je kollektiven wie individuellen Aushandlungsprozess der lernenden Akteure entwickeln l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Vielleicht ist es daher Zeit f\u00fcr selbst verfasste Manifeste der Sch\u00fcler:innen zu einem aus ihrer Sicht zeitgem\u00e4\u00dfen Lernen und Pr\u00fcfen, auch wenn die Ausdrucksform f\u00fcr den Filmk\u00fcnstler Julian Rosefeldt \u201efast romantisch\u201c (Tutton\/ Paton 2016, S. 96) aus der Zeit gefallen scheint. Allerdings sieht er gerade Manifeste eher als \u201eRite of Passage\u201c f\u00fcr junge Leute:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eEin Manifest repr\u00e4sentiert oft die Stimme einer jungen Generation, konfrontiert mit einer Welt, die sie ablehnt, und gegen die sie angehen will. [\u2026] sie [die Manifeste] sind zugleich Zeugnisse einer Suche nach Identit\u00e4t, die \u2013 von gro\u00dfer Unsicherheit gepr\u00e4gt \u2013 laut in die Welt hineinposaunt wurden.\u201c (ebd.).<\/p><\/blockquote>\n<p>F\u00fcr Rosefeldt sind Manifeste insofern literarische jugendkulturelle \u00c4u\u00dferungen, ein \u201eSturm und Drang remastered\u201c (ebd.), ein mit emphatischem \u00dcberschuss vorgebrachter Wunsch nach kultureller Teilhabe. Neben wichtigen Bildungsinitativen, die wie das <a href=\"https:\/\/aula-blog.website\">Projekt aula<\/a> die direkte politische Beteiligung Jugendlicher in Schule unterst\u00fctzen und entwickeln wollen, k\u00f6nnte die Erm\u00e4chtigung der Sch\u00fcler:innen zum (multimodalen) Gestalten von Manifesten eine poetische Form der Partizipation von Lern- und Pr\u00fcfungskultur darstellen.<\/p>\n<p>Website des K\u00fcnstlers mit allen Einzelsequenzen aus &#8222;Manifesto&#8220;:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.julianrosefeldt.com\/film-and-video-works\/manifesto-_2014-2015\/\">https:\/\/www.julianrosefeldt.com\/film-and-video-works\/manifesto-_2014-2015\/<\/a> (29.07.2021)<\/p>\n<p><strong>Literatur:<\/strong><br \/>\nButton, Sarah\/ Paton, Justin: Interview mit Julian Rosefeldt. In: Gebers, Anna-Catharina\/ Kittelmann, Udo u.a. (Hrsg.): Julian Rosefeldt: Manifesto. London: Koenig Books Ltd 2016, S. 96-99.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Cate Blanchett als Lehrerin in Julian Rosefeldts Manifesto (2015, Clip 13): Bildquelle In einer Filmsequenz aus Julian Rosefeldts mehrstimmiger Installation \u201eManifesto\u201c (2015) bereitet die Lehrerin einer Grundschulklasse, gespielt von Cate Blanchett, ihre Lerngruppe auf einen Test vor. 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