{"id":16,"date":"2020-07-19T12:18:00","date_gmt":"2020-07-19T12:18:00","guid":{"rendered":"http:\/\/tepasse.uber.space\/?p=16"},"modified":"2020-07-20T10:36:34","modified_gmt":"2020-07-20T10:36:34","slug":"mehr-vorderbuehne-wagen-medienwahlen-in-einem-agilen-lernsetting","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sichtbar-lernen.de\/?p=16","title":{"rendered":"Mehr Vorderb\u00fchne wagen &#8211; Medienwahlen in einem agilen Lernsetting"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Auswahl der passenden Lernmedien f\u00fcr ein spezifisches Unterrichtsvorhaben ist eine komplexe Planungsentscheidung, die noch einmal kompliziert wird durch die Erkenntnis, dass Medien als \u201eWeltbildapparate\u201c (vgl.<a href=\"https:\/\/shiftingschool.wordpress.com\/2019\/04\/01\/lernen-anleiten-im-digitalen-zeitalter-verstehen-und-praktizieren\/\"> Rosa<\/a>&nbsp;2019 u. auch grundlegend zu Medien als Paradigmen&nbsp;<a href=\"https:\/\/axelkrommer.com\/2019\/04\/12\/paradigmen-und-palliative-didaktik-oder-wie-medien-wissen-und-lernen-praegen\/\">Krommer<\/a> 2019) in je eigener Weise immer schon den Blick auf den Unterrichtsgegenstand perspektivisch formatieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch was ist die Konsequenz aus diesem Sachverhalt? Gilt es als Lehrer*in mit immer mehr B\u00e4llen zu jonglieren, alle m\u00f6glichen Varianten durchzuspielen, die Sch\u00fcler*innen zug\u00e4nglich und sachgerecht zugleich erscheinen, und denkbare Outputs dieser Auseinandersetzung zu antizipieren?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter diesen Fragen steht aus meiner Sicht ein bestimmtes professionelles Rollenverst\u00e4ndnis, zu dem ich im Folgenden eine agilere Alternative anbieten m\u00f6chte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als Ankerpunkt und (historische) Reibefl\u00e4che f\u00fcr meine Argumentation dient mir dabei ein Modell des kanadischen Soziologen Erving Goffmann, der das\u00a0<a href=\"https:\/\/www.piper.de\/buecher\/wir-alle-spielen-theater-isbn-978-3-492-23891-5\">Theater als Gro\u00dfmetapher f\u00fcr die \u201esoziale Welt\u201c<\/a>\u00a0entfaltet. Die Originalausgabe mit dem Titel \u201eThe Presentation of Self in Everyday Life\u201c stammt dabei aus dem Jahr 1959. F\u00fcr unser Feld w\u00fcrde das Modell Goffmanns bedeuten, dass Sch\u00fcler*innen und Lehrer*innen sich in ihren sozialen Rollen auf der B\u00fchne \u201eSchule\u201c inszenieren und dabei wechselseitig Publikum f\u00fcreinander sind. F\u00fcr die Reflexion von Planungsentscheidungen von besonderem Interesse erweist sich dabei Goffmanns Konzept der \u201eHinterb\u00fchne\u201c. Er schreibt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-style-default\"><p><em>\u201eWir finden h\u00e4ufig eine Trennung in einen Hintergrund, auf dem die Darstellung einer Rolle vorbereitet wird, und einen Vordergrund, auf dem die Auff\u00fchrung stattfindet. Der Zugang zu diesen Regionen wird unter Kontrolle gehalten, um das Publikum daran zu hindern, hinter die B\u00fchne zu schauen, und um Au\u00dfenseiter davon fernzuhalten, eine Auff\u00fchrung zu besuchen, die nicht f\u00fcr sie bestimmt ist. [&#8230;] Zwischen Darsteller und Publikum herrscht ein stillschweigendes Einverst\u00e4ndnis dar\u00fcber, dass beide Gruppen handeln, als best\u00fcnde ein bestimmtes Ausma\u00df an \u00dcbereinstimmung und Gegensatz zwischen ihnen.\u201c (Goffmann 2019, S. 217).&nbsp;<\/em><\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Unterrichtsplanung gilt es den h\u00e4uslichen Schreibtisch als Hinterb\u00fchne [Anm. 1] zu denken. Sch\u00fcler*innen werden hier gew\u00f6hnlich als Objekt der Bedingungsanalyse einbezogen, selten als Partner, die mitgestalten und mitentscheiden k\u00f6nnen. Interessant sind dabei die weiterf\u00fchrenden Ausf\u00fchrungen Goffmanns zur Hinterb\u00fchne:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>\u201eHier werden Illusionen und Eindr\u00fccke offen entwickelt. Hier k\u00f6nnen B\u00fchnenrequisiten und Elemente der pers\u00f6nlichen Fassade in einer Art kompakter Zusammenballung ganzer Handlungsrepertoires [&#8230;] aufbewahrt werden.\u201c&nbsp;(ebd., S. 104)<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Dies hei\u00dft, die Hinterb\u00fchne ist als ein Ort offener Vielfalt zu denken, hier werden Varianten ausgebreitet, hier sind sie nebeneinander greifbar. Nicht alles davon findet jedoch den Weg auf die Vorderb\u00fchne. Hier herrscht Selektionszwang. Bezogen auf unser Thema w\u00fcrde das bedeuten, eine \u201ebegr\u00fcndete zielgerichtete\u201c Medienwahl zu treffen, eine der kalkulierten, adressatengerechten Inszenierung.\u00a0Das Theatermodell Goffmanns verst\u00e4rkt dabei Kritikpunkte an einer g\u00e4ngigen Planungsdidaktik: Intransparenz, fehlende Partizipation und eine Vorstellung von Unterricht als lehrseitig choreografierter Interaktion. Einen disruptiven Weg aus diesem kontrollierten Setting weist dabei bereits Ralf Dahrendorf 1969 in seinem Vorwort zur deutschen Ausgabe von \u201eWir alle spielen Theater\u201c:\u00a0<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>\u201eSeine [Goffmans] Darstellung des Verhaltens auf und hinter der B\u00fchne nimmt zwei soziale Orte als gegeben hin, deren Verh\u00e4ltnis auch anders sein k\u00f6nnte. [\u2026] Wie, wenn mehr Darsteller verraten, was sich hinter der B\u00fchne abspielt? Wie, wenn das Publikum mitzuspielen beginnt? Das alles kann mag nicht zu einem Ausbruch aus der Gesellschaft f\u00fchren; es kann sie aber ver\u00e4ndern, [\u2026].\u201c (Dahrendorf, Ralf: In: ebd., S. VIII)<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die Pointe dieses Gedankenspiels sind zwei Fluchtbewegungen, die sich sehr gut mit einem Konzept von <a href=\"https:\/\/schulesocialmedia.com\/2019\/06\/03\/agil-lehren-im-netz-an-der-schule-an-der-uni-ein-gedankenanstoss\">agiler Didaktik<\/a> (vgl. Wampfler 2019) in Einklang bringen lassen. Zum einen geht es darum den Schleier zur Hinterb\u00fchne zu l\u00fcften, Sch\u00fcler*innen in Planungsentscheidungen einzubeziehen, dort vorhandene Vielfalt nicht lehrseitig \u201edidaktisch zu reduzieren\u201c, sondern als gemeinsame Herausforderung und Lerngelegenheit auf die Vorderb\u00fchne zu holen. Zum anderen gilt es dabei die Sch\u00fcler*innen ebenfalls von der anderen Seite aus dem Publikum auf die B\u00fchne zu holen, sie zu Ko-Konstrukteuren des Unterrichts zu machen, sie mit ihrer Haltung, ihrer Expertise und den auch unerwarteten L\u00f6sungsans\u00e4tzen, die sie einzubringen verm\u00f6gen, ernst zu nehmen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Doch was in der Theorie idealistisch klingt, muss in der Praxis auch eingel\u00f6st werden. Ich m\u00f6chte zumindest einen Ansatz in diese Richtung skizzieren, wie ich ihn mit einem Kunstgrundkurs der Jahrgangsstufe 11 beschritten habe. Ausgangspunkt war eine eigentlich bekannte Hinterb\u00fchnenproblematik von Kunstlehrer*innen: Wie kann ich meinen Sch\u00fcler*innen eine Plastik \u2013 hier das Werk \u201eL\u2019homme qui marche\u201c von Auguste Rodin \u2013 begreifbar machen, ohne Ihnen eine Originalbegegnung im Museum ad hoc erm\u00f6glichen zu k\u00f6nnen? Bei vollplastischen Figuren ohne eindeutige Hauptansicht verbietet es sich eigentlich die Sch\u00fcler*innen mit einer fotografischen Reproduktion zu konfrontieren, die immer bereits durch Perspektivierung, Standpunkt und Ausleuchtung eine Deutungshypothese markiert. In Zeiten fehlender medialer Alternativen w\u00e4re der Griff zum Schulbuch eine probate Wahl gewesen, nicht aber heute: so h\u00e4lt etwa das Mus\u00e9e Rodin in Paris zu bekannten Werken des K\u00fcnstlers&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.myminifactory.com\/users\/Mus%C3%A9e%20Rodin?show=latest&amp;page=1\">freie 3D-Datens\u00e4tze zum Download<\/a>&nbsp;bereit.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ist nun aber die passende Darbietungsform f\u00fcr das Vektor-Modell der Plastik und welche Erkenntnisse lassen sich \u00fcberhaupt an den 3D-Modellen gewinnen? Genau diese Frage habe ich von der Hinter- auf die Vorderb\u00fchne in den Unterricht getragen. Einige Sch\u00fcler*innen hatten bereits im Vorjahr in einem&nbsp;<a href=\"https:\/\/gymhsw.padlet.org\/LZumbansen\/nvrphzuy1kud\">Projektkurs Erfahrungen mit dem 3D-Design und auch praktische Expertise<\/a>&nbsp;gesammelt. Wir sind gemeinsam in den schuleigenen&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.friedrich-verlag.de\/bildung-plus\/digitale-schule\/medienkompetenz\/neues-lernen\/co-kreatives-lernen-im-makerspace-die-praxis\/\">Maker-Space<\/a>&nbsp;(vgl. Luga 2019) gegangen, der u.a. mit einer VR-Brillen-Station, sechs 3D-Druckern, einem iPad-Koffer sowie etlichen Cardbord-Brillensets ausgestattet war. In einem&nbsp;<a href=\"https:\/\/hpi-academy.de\/design-thinking\/was-ist-design-thinking.html\">Design-Thinking-Prozess<\/a>&nbsp;(vgl. auch F\u00f6rtsch\/ St\u00f6ffler 2020, S. 13) wurden hier in Kleingruppen methodische Prototypen f\u00fcr die eigene Werkanalyse ersonnen. Dabei wurde schnell eine Problematik ersichtlich: Die in gro\u00dfer Anzahl verf\u00fcgbaren Cardboard-Brillen h\u00e4tten zwar einen niedrigschwelligen und breiten Zugang zu einer 3D-Ansicht des Modells etwa \u00fcber&nbsp;<a href=\"https:\/\/sketchfab.com\/feed\">Sketchfab<\/a>&nbsp;erm\u00f6glicht, jedoch keine direkte Interaktion mit dem Modell. Den Sch\u00fcler*innen war es aber wichtig, ihre Erkundungen am Werk direkt visualisieren und mit anderen teilbar machen zu k\u00f6nnen. In der gemeinsamen Pr\u00e4sentationsrunde bildeten sich drei Zugangsstationen aus:<\/p>\n\n\n\n<ul><li>Eine ma\u00dfstabsgetreue Erkundung mit der VR-Brille, wobei die Datei in das Programm&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.tiltbrush.com\/\">Google Tiltbrush<\/a>&nbsp;geladen werden sollte, um Markierungen im Raum zu erm\u00f6glichen<\/li><li>Eine Integration in die kostenlose 3D-Pr\u00e4sentations-App&nbsp;<a href=\"file:\/\/\/Users\/larszumbansen1\/Desktop\/kostenlose%203D-Pra%CC%88sentations-App%20Fusion360%20auf%20dem%20IPad\">Fusion360<\/a>&nbsp;auf dem IPad, bei dem zu unterschiedlichen Ansichten Kompositionsskizzen kollaborativ angefertigt werden k\u00f6nnen, die sich auch wechselseitig kommentieren lassen.<\/li><li>Eine Station mit mehreren miniaturisierten 3D-Drucken der Plastik, um insbesondere die Oberfl\u00e4chenstruktur in den Blick zu nehmen. Papier, Graphitstifte und Ton, ggf. zur Abformung sollten M\u00f6glichkeiten der \u201eNotation\u201c bieten<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Jede Gruppe baute nun f\u00fcr die Folgestunde jeweils eine Station. Dazu erhielten sie jeweils den Datensatz u. ggf. Accountdaten zu Tiltbrush u. Fusion360 von mir. Auch wenn einige Sch\u00fcler*innen bereits Erfahrung mit dem 3D-Druck gesammelt hatten und eine druckf\u00e4hige Datei mit einem Slicer erstellen konnten, unterst\u00fctzte ich hier vor allem bei der Koordination der Druckprozesse. Da jeder Druck ca. 6 Stunden dauerte, \u00fcbernahm ich selbst auch einige Drucke, die ich von daheim anstie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Da die VR-Station nur einmal existierte, musste ein alternierendes Verfahren erdacht werden, das keinen Leerlauf f\u00fcr einige Kursteilnehmer produzierte. Wir einigten uns darauf, dass der \u201eMaker-Space\u201c in den nachfolgenden Kunstdoppelstunden neben dem offiziellen Werkraum immer als Lernraum solange offenstand, bis die 3 Stationen von allen Sch\u00fcler*innen durchlaufen wurden. Parallel arbeiteten alle bildnerisch-praktisch an eigenen fig\u00fcrlichen Plastiken.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Leitfragen f\u00fcr die mediengest\u00fctzten Werkbegegnungen an den einzelnen Stationen waren dabei diese:<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group is-layout-flow\"><div class=\"wp-block-group__inner-container\"><\/div><\/div>\n\n\n\n<ul><li>Welches Wirkungspotential geht von der Plastik aus, wie \u00e4ndert sich dieses je nach Ansicht und Perspektive?&nbsp;<\/li><li>Wie beeinflusst\/ ver\u00e4ndert das mediale Setting meinen Blick auf die Plastik? Welche Aspekte geraten dabei unterschiedlich stark in den Blick?&nbsp;<\/li><li>Auf welche Weise kann ich dabei die dem Programm\/ Medium eigenen Mittel nutzen, um meine Erkenntnisse zu dokumentieren\/ in analytische Zeichnungen zu \u00fcbersetzen?<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Nachdem alle Sch\u00fcler*innen alle Stationen durchlaufen hatten, fand ein Abschlussplenum statt, bei dem ich die Kursteilnehmer nun mit dem urspr\u00fcnglich als Zugang verworfenen&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.klett.de\/produkt\/isbn\/978-3-12-205122-8\">Lehrbuchtext<\/a>&nbsp;konfrontierte, der mit einer seitengro\u00dfen Abbildung des \u201eSchreitenden\u201c von Rodin aufwartete (s. Abb. oben). Dabei sollte ein Abgleich der Bild- und Textinformationen mit den eigenen Analysebefunden erfolgen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"528\" src=\"https:\/\/sichtbar-lernen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/AbbBlog1-1024x528.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-23\" srcset=\"https:\/\/sichtbar-lernen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/AbbBlog1-1024x528.png 1024w, https:\/\/sichtbar-lernen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/AbbBlog1-300x155.png 300w, https:\/\/sichtbar-lernen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/AbbBlog1-768x396.png 768w, https:\/\/sichtbar-lernen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/AbbBlog1-1536x792.png 1536w, https:\/\/sichtbar-lernen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/AbbBlog1-2048x1056.png 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption><em>Abb.: Einzeichnung des Betrachterstandpunktes u. des Wirkungspotentials in Tilt Brush (links); Anfertigung u. Kommentierung analysierender Skizzen in Fusion360 (rechts)<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Durch eine Einf\u00e4rbung der Teilvolumina aus verschiedenen Ansichten in Fusion360 konnte das sich jeweils ver\u00e4ndernde Dominanzverh\u00e4ltnis von Ober- und Unterk\u00f6rper sichtbar dokumentiert werden, das das Umschreiten der Plastik zu einem dynamischen Rezeptionsakt macht. Das im flankierenden Erl\u00e4uterungstext beschriebene \u201eModel\u00e9\u201c, die Sichtbarmachung des Herstellungsprozesses durch Hinzuf\u00fcgen und Eindr\u00fccken von Tonklumpen, konnte von den Sch\u00fcler*innen dabei vor allem durch den am 3D-Druck ausgemachten Kontrast der Oberfl\u00e4chenbeschaffenheit herausgearbeitet werden. Durch eine Frottage auf d\u00fcnnem Papier wurden die glatten, vor allem konvexen Oberschenkelpartien mit den zerkl\u00fcfteten, harten Graten vor allem an Oberk\u00f6rper und R\u00fccken abgetragen. Gegen\u00fcber dem im Text herausgehobenen Naturalismus der kr\u00e4ftigen Beine \u00e4u\u00dferten sich die Kursteilnehmer dagegen skeptisch, wurde doch gerade die \u00fcberdimensionierte Oberschenkel- und Wadenmuskulatur in der VR-Begegnung als hyperrealistisch, idealisierend interpretiert.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Das Beispiel zeigt, das eine intensive kritische Auseinandersetzung mit der Bild-Textkoppel des Lehrbuchs vor allem durch die multiperspektivischen medialen Zug\u00e4nge angebahnt werden konnte, unterschiedliche Manifestationen ein und desselben Datensatzes. Die Entwicklung eines medienreflexiven Bewusstseins der Sch\u00fcler*innen fu\u00dft dabei auf dem, was der Medienhistoriker Michael Giesecke als \u201eOszillationsf\u00e4higkeit, das probeweise Fokussieren mal des einen, mal des anderen Stils\u201c (Giesecke 2017, S. 500) bezeichnet. Das hier skizzierte Unterrichtsvorhaben ist dabei nat\u00fcrlich nicht voraussetzungslos und im konkreten Fall nur realisierbar durch die technischen Ressourcen und die Vorbildung der Sch\u00fcler*innen im Umgang damit. Das Prinzip ist aber \u00fcbertragbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich pl\u00e4diere dabei daf\u00fcr das mediale Probehandeln vom Planungstisch auf die Vorderb\u00fchne des Unterrichtsgeschehens zu holen und die Sch\u00fcler*innen selbst immer wieder zahlreiche methodische Prototypen mit den ihnen erweiterten medialen Mitteln entwickeln zu lassen. Auf diese Weise l\u00e4sst sich jenseits etablierter Nutzungsroutinen Kreativit\u00e4t als Basis von Unterscheidungsf\u00e4higkeit (und damit als Kritik im urspr\u00fcnglichen Sinne ) kultivieren. Der hier dargestellte Ansatz f\u00fchrt dabei notwendig zu einer Verlangsamung des Unterrichtsprozesses und somit folgerichtig zu einem noch exemplarischeren fachlichen Lernen. Doch dieser Preis lohnt sich, wenn Sch\u00fcler*innen dadurch mehr Regiekompetenzen im schulischen \u201eTheater\u201c erhalten.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-flow\">\n<p class=\"has-small-font-size\"><em>[1] Anmerkung: Hinterb\u00fchnen m\u00fcssen nach Goffmann dabei nicht zwangsl\u00e4ufig dauerhafte physische Orte, sondern k\u00f6nnen auch tempor\u00e4r situative Settings sein. Allerdings verweisen sichtbar kontrollierte Hinterb\u00fchnen immer auch auf eine bestimmte soziale Hierarchie. W\u00e4hrend f\u00fcr Lehrer*innen das \u201eLehrerzimmer\u201c eine mehr oder minder stark regulierte \u201eHinterb\u00fchne\u201c zum Unterricht darstellt, gibt es f\u00fcr Sch\u00fcler*innen im Schulraum solche exklusiven Zonen systemisch selten, die komplett der Kontrolle bzw. Aufsicht von Lehrer*innen entzogen sind. Tempor\u00e4re Zufluchten sind hier maximal die Toiletten.<\/em><\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Literatur:<\/h3>\n\n\n\n<ul><li>F\u00f6rtsch, Matthias\/ St\u00f6ffler, Friedemann (2020): Die agile Schule. Hamburg: AOL-Verl.<\/li><li>Giesecke, Michael (2017): Die Entdeckung der kommunikativen Welt. 2. Aufl. Frankfurt a.M.: Suhrkamp<\/li><li>Goffmann, Erving (2019): Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag. 18. Aufl. M\u00fcnchen: Piper&nbsp;<\/li><li>Kr\u00e4mer, Thomas (2011): Skulptur und Plastik. Werkbetrachtungen von der Antike bis zur Gegenwart. Stuttgart: Klett<\/li><li>Krommer, Axel (2019): Paradigmen und palliative Didaktik. Oder: Wie Medien Wissen und Lernen&nbsp;pr\u00e4gen. Online-Quelle:&nbsp;<a href=\"https:\/\/axelkrommer.com\/2019\/04\/12\/paradigmen-und-palliative-didaktik-oder-wie-medien-wissen-und-lernen-praegen\/#more-1509\">https:\/\/axelkrommer.com\/2019\/04\/12\/paradigmen-und-palliative-didaktik-oder-wie-medien-wissen-und-lernen-praegen\/#more-1509<\/a>&nbsp;(19.07.2020)<\/li><li>Luga, J\u00fcrgen (2019): Co-kreatives Lernen im MakerSpace: Die Praxis. In: bildung+, Online-Quelle: <a href=\"https:\/\/www.friedrich-verlag.de\/bildung-plus\/digitale-schule\/medienkompetenz\/neues-lernen\/co-kreatives-lernen-im-makerspace-die-praxis\/\">https:\/\/www.friedrich-verlag.de\/bildung-plus\/digitale-schule\/medienkompetenz\/neues-lernen\/co-kreatives-lernen-im-makerspace-die-praxis\/<\/a><\/li><li>Rosa, Lisa (2019): Lernen anleiten im digitalen Zeitalter. Verstehen und praktizieren. Online-Quelle:&nbsp;<a href=\"https:\/\/shiftingschool.wordpress.com\/2019\/04\/01\/lernen-anleiten-im-digitalen-zeitalter-verstehen-und-praktizieren\">https:\/\/shiftingschool.wordpress.com\/2019\/04\/01\/lernen-anleiten-im-digitalen-zeitalter-verstehen-und-praktizieren<\/a>&nbsp;(19.07.2020)<\/li><li>Wampfler, Philippe (2019): Agil lehren \u2013&nbsp;im Netz, an der Schule, an der Uni. Ein&nbsp;Gedankenansto\u00df. Online-Quelle:&nbsp;<a href=\"https:\/\/schulesocialmedia.com\/2019\/06\/03\/agil-lehren-im-netz-an-der-schule-an-der-uni-ein-gedankenanstoss\">https:\/\/schulesocialmedia.com\/2019\/06\/03\/agil-lehren-im-netz-an-der-schule-an-der-uni-ein-gedankenanstoss<\/a>(19.07.2020)<\/li><\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Auswahl der passenden Lernmedien f\u00fcr ein spezifisches Unterrichtsvorhaben ist eine komplexe Planungsentscheidung, die noch einmal kompliziert wird durch die Erkenntnis, dass Medien als \u201eWeltbildapparate\u201c (vgl. Rosa&nbsp;2019 u. auch grundlegend zu Medien als Paradigmen&nbsp;Krommer 2019) in je eigener Weise immer schon den Blick auf den Unterrichtsgegenstand perspektivisch formatieren. Doch was ist die Konsequenz aus diesem [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":24,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[11,7,8,10,9,12],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/sichtbar-lernen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Abb.Blog2_.png","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/sichtbar-lernen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16"}],"collection":[{"href":"https:\/\/sichtbar-lernen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/sichtbar-lernen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sichtbar-lernen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sichtbar-lernen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=16"}],"version-history":[{"count":15,"href":"https:\/\/sichtbar-lernen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":71,"href":"https:\/\/sichtbar-lernen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16\/revisions\/71"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sichtbar-lernen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/24"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/sichtbar-lernen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=16"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/sichtbar-lernen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=16"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/sichtbar-lernen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=16"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}