Interview

In der NW vom 20.7.2020

Herr Tepaße, stellen wir uns mal eine ideale Welt vor. In der ist jede Schule optimal mit Soft- und Hardware ausgerüstet und Lehrer und Schülerinnen und Schüler wissen auch, wie man alles bedient. Wie kann diese moderne Schule aussehen?

David Tepaße: In dieser idealen Welt wird an allen Schulen die Kultur der Digitalität gelebt. Heißt, es hat sich nicht nur der Unterricht oder die Ausstattung, sondern auch die gesamte Kommunikation und Didaktik komplett verändert.

Aber was heißt das konkret?

David Tepaße: Dass wir zum Beispiel weniger synchronen Frontalunterricht haben, in dem eine Lehrperson im Zentrum und vorne steht und 30 Schülerinnen und Schüler alle mehr oder weniger gleichzeitig (vermeintlich) das Gleiche tun. Das wird der nachweisbaren Heterogenität der Schülerschaft nicht gerecht. Schule von heute basiert auf der Idee einer Schule von vor 150 Jahren. Wir können Leistungen von Schülerinnen und Schülern im Zeitalter des Internets, nicht mehr dahingehend bewerten, dass sie gut Dinge auswendig gelernt und sich der Schule angepasst haben. Das ist keine Qualifikation, die sie noch brauchen und die zeitgemäß ist. Das sagt auch Andreas Schleicher, internationaler Koordinator der Pisa Vergleichsstudie. 

Und was kommt stattdessen?

David Tepaße: Asynchrones, selbständiges, persönliches Lernen, dass nicht unbedingt vor Ort im Gleichtakt in der Schule passieren muss. Das Stellen von Fragen zu selbst gewählten Lerngegenständen, deren Bedeutung sich durch Kommunikation und partizipative Prozesse im Netz ergeben. So lernen sie Recherche, das Abwägen von Standpunkten, das Einschätzen von Quellen und das Bewerten von Informationen. Das brauchen unsere Schülerinnen und Schüler heute.

Haben Sie mal ein Beispiel?

David Tepaße: Ich bin Informatiklehrer, nehme jetzt aber mal ein Beispiel aus dem Fremdsprachenunterricht. Wie toll wäre es denn, man könnte jeder Schülerin und jedem Schüler eine Fremdsprachen-Partnerin aus einem anderen Land zuteilen. Die könnten dann miteinander chatten. Oder sich per Videokonferenz austauschen, um bestimmte Problemstellungen miteinander zu bearbeiten. Sprache lernen durch Sprache aktiv sprechen in einer authentischen (echten) und nicht künstlich erzeugten Kommunikationssituation. Besser geht es doch nicht.

Das klingt revolutionär für Schule.

David Tepaße: Aber das ist, was Schule kann! Und meines Erachtens ist es die Richtung, in die sich Schule verändern muss. 

Aber zurzeit wird der Einsatz Sozialer Medien und freies Lernen zuhause doch eher als Ablenkung oder ineffektiv gewertet.

David Tepaße: Weil das Gefühl da ist, dass Erwachsene, ob Lehrer oder Eltern, dann die Kontrolle nicht haben. Was ja nicht stimmt. Wenn ich die Kultur der Digitalität lebe, kann ich trotzdem Lernprozesse in den Blick nehmen, Beratungsgespräche anbieten, digital gestützt Feedback geben. Zudem können Fehler viel mehr zugelassen und positiv genutzt werden und man kann weg von so vielen punktuellen Leistungsprüfungen. 

Aber von solchen Aufgaben sind wir weit entfernt.

David Tepaße: Jein. Mit der richtigen Ausrüstung kann man das auch schon jetzt in der Sekundarstufe I machen. In den oberen Stufen noch nicht, weil die zentralen Prüfungen das noch nicht erlauben. Aber ich glaube, da wird nun eine Menge passieren.

Nun kennen Sie sich extrem gut aus und konnten an Ihrer Schule deshalb schon eine Menge bewirken.

David Tepaße: Aber genau so muss es jede Schule machen: Sich selbst aufstellen, kreativ werden, Leute mit Know-how einbeziehen – vor allem auch Schülerinnen und Schüler und Eltern! Das passiert derzeit auch viel zu wenig. Und auch das ist Kultur der Digitalität: Alle auf allen Ebenen in Entwicklung mit einbeziehen und partizipieren lassen („Working out Loud“). Wir haben beispielsweise schon ganz früh eine AG Digitalisierung gegründet, in der vor allem Eltern und Schülerinnen sowie Schüler mitgewirkt haben. Das hat einen unglaublichen Schub gegeben!

Sie brennen aber auch für das Thema.

David Tepaße: Ja klar. Und das muss nicht jede Schulleiterin / jeder Schulleiter. Es muss sich aber jede Lehrperson, für das Thema öffnen, wir können uns nicht mehr leisten, Systembewahrer zu bleiben. Wir müssen alle Innovatoren werden. Wer jetzt weiter auf Anweisungen von oben wartet, bleibt auf der Strecke.

Das Interview führte: Anneke Quasdorf

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.